Time Out

nichts mehr hören, nichts mehr sagen, nichts mehr sehen

Es gibt Zeiten in meinem Leben da will und brauche ich einfach meine Ruhe, das bedeutet in meinem Fall, ich bin für nichts und niemanden mehr zu erreichen, schalte mein(e) Telefon(e) aus, lese keine Emails oder sonstige Nachrichten und öffne auch meine Wohnungstüre nicht mehr, falls es klingelt.
Die Fachwelt nennt dieses Verhalten Sozialer Rückzug

Als sozialen Rückzug bezeichnet man die geringe Ausprägung oder Verminderung sozialer Beziehungen, wobei das Rückzugsverhalten in allen sozialen Bereichen stattfinden kann, sowohl im privaten Bereich als auch im beruflichen Kontext. Kontaktfähigkeit und auch andere Alltagsfähigkeiten gehen dabei oft verloren. Neben Antriebsmangel, Verminderung des Interesses an Kontakten, Misstrauen, Wahnvorstellungen und Ängste, Minderwertigkeitsgefühlen spielen auch konkrete negative Erfahrungen bzw. subjektive negative Interpretationen von durchaus normalen Situationen eine Rolle. Häufig findet man den sozialen Rückzug aus Geldmangel bei Arbeitslosigkeit oder anderen Armutsgründen. Durch sozialen Rückzug kommt nicht selten ein Teufelskreis in Gang, denn fehlende Sozialkontakte verringern die Möglichkeit einer korrigierende positiven emotionalen Erfahrung. Je weniger Kontakte vorhanden sind, desto empfindlicher werden Menschen in den verbliebenen Kontakten, umso eher kommt es dort wieder zu negativen Erfahrungen und einer Verstärkung des Rückzugs. Sozialer Rückzug ist ein häufiges Symptom unterschiedlicher psychischer Störungen. Typische Beispiele für psychische Störungen bei denen es zum sozialen Rückzug kommt, sind Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen oder Schizophrenien. Ein sozialer Rückzug kann dabei auch das erste Symptom einer psychischen Störung sein, besonders beim schizophrenen Formenkreis. Bei einer Alzheimerdemenz kann die Überforderung durch das Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten schon früh durch einen Rückzug verdeckt werden. (Stangl, 2020).

Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/23321/sozialer-rueckzug/ (2020-07-29)

Irgendwie finde ich mich in dieser Beschreibung nur teilweise wieder, denn sie zeigt „nur“ den Blick von außen auf den Betroffenen. Deshalb möchte ich in diesem Blogbeitrag mal mein Erleben und vor allem mein Empfinden in so einer „Phase“ in den Vordergrund stellen – mit der Hoffnung danach besser von Nicht-Betroffenen und anderen Mitmenschen verstanden zu werden.

Auslöser des Time Out

Mein Ruhebedürfnis steigt mit meiner inneren Anspannung, mit der Anzahl der Kämpfe, die ich in meinem inneren mit meinen Monstern, aber auch im Außen (Mitmenschen, Behörden, Institutionen) austrage und findet dann meistens ihren Höhepunkt, wenn ich mit allem – also außen und innen – total überfordert bin. Ich weiß, dann nicht mehr wo oben, wo unten, wo rechts, wo links ist – es fühlt sich an, als ob jemand bei mir den Stecker gezogen hat und die Restenergie, gerade noch ausreicht, um ein-und auszuatmen.

Wieder einmal hat mich ein Kampf um Hilfe sehr viel Energie gekostet und trotzdem hab ich den Kampf, um für mich passende Hilfe verloren. Hilfe, die mir helfen soll, irgendwann ohne Hilfe mit meinen Monstern im Kopf klar zu kommen. Ich bin wieder gescheitert an Voraussetzungen, die ich nicht erfüllen kann, gescheitert an Vorgaben von Behörden, die mich nicht kennen und für die ich nur eine Fallnummer bin, ein Kostenfaktor. Menschen, bei denen sich (psychische) Krankheiten chronifizierten und dadurch längere / dauernde Behandlungen benötigen, sind in den Behandlungsbudgets nicht vorgesehen. Besonders traurig ist, dass genau diese Institutionen daran beteiligt sind, dass sich meine Erkrankung chronifiziert hat, in dem sie sich bei Genehmigungen für sinnvolle und vom Arzt befürwortete Hilfeleistungen quergestellt, verzögert oder widersprochen haben – vom dazugehörigen Papierkrieg ganz zu schweigen. Meine Kämpfe mit Krankenkasse, Versicherungen, Rentenversicherung, Arbeitsagentur füllen inzwischen ganze Ordner – Unsicherheiten, Wartezeiten, Rückschläge und massive Existenzängste nicht eingerechnet.

Jedes einzelne Schreiben, Gespräch und Telefonat kostet Energie – inzwischen nicht nur meine, sondern auch, die von meinen Behandlern und anderen lieben Helfermenschen. Leider sind die Erfolge nur mau und laden die Batterien nur unzureichend wieder auf. Das bedeutet mein Energielevel wird immer weniger und dadurch auch meine Stressresistenz. Was bei bei anderen für große Verärgerung sorgt und anschließend der Kampf mit neuer Kraft fortgesetzt wird, wirft mich komplett aus der Bahn. Durch den vielen vielen vorangegangenen toxischen Stress, bin ich nicht mehr so belastbar, wie jemand der diese Erfahrungen noch nicht machen musste.

Deshalb kommt es bei mir öfter und schneller vor, dass ich mich komplett zurückziehe und für niemanden mehr erreichbar bin. Vergleichbar vielleicht auch mit dem FI – Schalter (Fehlerstromschutzschalter): die Sicherung fliegt raus, sobald das System überlastet ist – bevor etwas komplett kaputt geht.

Funktionen des Time Out

Dieser Rückzug ist dementsprechend für mich lebenswichtig – jede weitere zusätzliche Belastung würde mein System (also mich) zerstören. Er hat sozusagen eine Schutzfunktion.

„Ich kann´s nicht mehr hören“
Eigene Zeichnung Juni 2014

Meistens übernehmen meine Monster im Kopf ab diesem Moment die Kontrolle über mich, d.h. ich bin nur noch Zuschauer in meinem Leben und kann nicht mehr eingreifen. Das Telefon und Handy sind aus, kein WhatsApp, Facebook, Instagram & Co, die Wohnungstür bleibt zu, auch das Klingeln erreicht nicht mehr mein Ohr bzw. ich kann darauf nicht mehr reagieren.

Von außen beobachtet, liege ich mit über dem Kopf gezogener Decke in meinem Bett, starre vor mich hin und hin und wieder schüttelt es mich vor Heulattacken. Doch in meinem Inneren tobt ein fürchterlicher Kampf: ein Kampf zwischen mir und meinen Monstern im Kopf. Monster, die mich beschimpfen, Monster, die mich fertig machen, Monster, die mich mit alten Bildern, Sätzen und Filmen quälen…. es fühlt sich an wie ein Flipper im Kopf, alle Monster reden durcheinander, auf ein Wort folgt das nächste und wieder zurück. Jedes Monster will Recht haben, Recht kriegen und mich dazu bringen, genau das zu tun, was es gerade für richtig hält.

Manchmal wünsche ich mir, dass ich mir einfach die Ohren zu halten kann, doch das Geschrei findet ja in meinem Kopf statt und Ohropax für`s Gehirn ist leider noch nicht erfunden bzw. es gibt Medikamente, die mich ausknocken, so dass ich wirklich gar nichts mehr mitbekomme, mir helfen die Stimmen im Kopf abzuschalten und zu schlafen. Dieses Mittel ist aber Fluch und Segen zugleich: ich kann zwar schlafen und in meinem Kopf herrscht Ruhe, doch auch ich selbst bin komplett ausgeschaltet. Es dauert bis ich wieder soweit in der Spur bin, dass ich meine Gedanken und mich wieder kontrollieren kann. Doch um sämtliche Energiefresser vom System zu nehmen, damit der FI Schalter wieder aktiviert werden kann, möchte ich dieses Mittel nicht mehr missen.

Erst jetzt kann es ans Verarbeiten und Sortieren der aktuellen Situation gehen, d.h. so nach und nach kann das System mit Energieverbrauchern erweitert werden – ganz vorsichtig natürlich, nicht dass gleich wieder der FI-Schalter fliegt. So kann es sein, dass ich es einen Tag schaffe, Nachrichten zu beantworten, aber am nächsten Tag herrscht auf meinen Kommunikationskanälen wieder absolute Funkstille. Es ist für mich nicht so leicht, da die nötige Balance, das richtige Maß zu finden – ich arbeite noch daran herauszufinden wie ich wann belastbar bin. Da spielen so viele Faktoren mit rein, z.B. wie lange und gut habe ich geschlafen, wieviel Stress gab´s vorher, was habe ich noch vor, was stresst mich wann wieviel, wie kann ich mich vor bestimmten Stressfaktoren schützen, welcher Stress wird wann mehr, wann weniger….. gar nicht so einfach, das alles im Blick zu behalten.

Und wenn dann noch Stress, Belastungen und Probleme von meinen Mitmenschen dazukommen – dann wird´s für mich richtig kompliziert. Was sind meine Probleme und was ist das Problem des anderen. Für mich gar nicht so leicht auseinanderzuhalten (Symptom der kPTBS) z.B. der Satz “ ich mache mir Sorgen um dich“ . Oft habe ich da den Impuls, dass es meine Schuld ist, dass es dem anderen jetzt schlecht geht, wegen mir muss er sich Sorgen machen und kann sich nicht auf sich konzentrieren, freuen, Spaß haben. Auch die Frage „Wie kann ich dir helfen?“ sorgt bei meinem Monstern im Kopf für ein ziemliches Chaos. Einerseits weiß ich, dass der andere mir helfen will, doch anderseits bemerke ich die Verärgerung? Enttäuschung? Hilflosigkeit meines Gegenübers, wenn ich auf die Frage keine Antwort weiß. …. und das weckt bei mir erneut Schuldgefühle: ich bin schuld, dass der andere sich jetzt so fühlen muss. Vom Kopf her weiß ich schon (zumindest habe ich das gelesen😜), dass jeder für seine Gefühle selbst verantwortlich ist…das zu unterscheiden ist für mich noch ziemlich nebulös. 🤷‍♀️🤷‍♀️

Diese Schuldgefühle locken leider auch das Monster in meinem Kopf heraus, dass sich dafür schämt, sich so zu fühlen und denkt, dass es die Freunde und Mitmenschen nur noch belastet, weil ich so kompliziert bin (Symptom der kPTBS) . Gedanken, dass alle anderen ohne mich besser dran sind, tauchen dann auf. Momentan kann ich dieses Monster ignorieren, doch es gab schon Zeiten in meinem Leben, da hatte dieses Monster fast komplett die Kontrolle übernommen.

Doch bis jetzt gab es immer noch einen Strohhalm nach dem ich in diesem dunklen Stunden greifen konnte und dieses Monster verschwand erstmal wieder in der Kiste. Ein kleines Licht, eine kleine Tür tauchte für mich aus dem Nichts auf und ich nehme meine ganze Kraft nochmal zusammen, um zu schauen, ob es für mich da einen Weg gibt aus der Dunkelheit meiner Monster zu entkommen. Ich brauche also ausreichend Zeit und Ruhe mich neu zu orientieren.

Folgen des Time Out

Leider bleibt so eine Auszeit, ein Rückzug aus dem sozialen Leben nicht ohne Folgen. Je länger dieser Zustand dauert, um so schwerer wird es zurück zu finden. Ist das Time Out aber zu kurz, reicht die Energie eventuell für den Neustart noch nicht aus. Es ist und bleibt also eine Gradwanderung.

„mir wird alles zu viel, ich kann nicht mehr“
eigene Zeichnung Januar 2012

Mir ist bewusst, dass Freundschaften durch mein Verhalten ziemlich strapaziert werden und mein plötzlicher Kontaktabbruch für ziemliche Verwirrung, Verärgerung und Verletzungen sorgt. Das tut mir auch sehr leid, doch noch(!) weiß ich mir in diesen – für mich unerträglichen Situationen – nicht anders zu helfen und meine Monster im Kopf übernehmen das Kommando. Das Chaos was darauf folgt, hat mich schon das Öfteren geschadet, z.B. ich wurde nicht mehr ernst genommen, für therapieunwillig/-unfähig erklärt, für bockig/trotzig gehalten, als überempfindlich tituliert, als unmotiviert und faul deklariert und vieles mehr. Auch Freundschaften zerbrachen, weil ich mit mir zu beschäftigt war, mir die Sorgen/Nöte der Anderen zu viel wurden bzw. mich nicht mehr auf Gespräche darüber einlassen konnte.

Dass Menschen sich Sorgen über mich machen, wenn sie nichts mehr von mir hören, ist mir auch klar und geht mir auch so, wenn ich von Freunden oder Familie kein Lebenszeichen mehr sehe/höre/lese. Ja, ich habe wahnsinnige Angst, dass ich weitere Freundschaften zerstöre, wenn ich nicht rechtzeitig aus meinem Time Out zurückfinde, gleichzeitig bekomme ich Angst, wenn ich meinen Freunden nicht gerecht werde und sie zu sehr beanspruche. Wie eine Lösung da ausschauen kann, weiß ich (noch) nicht. Reden fällt mir schwer, oft kann ich in dieser Phase nicht mal beschreiben, fehlen mir die passenden Worte für das, was mich so belastet (i.S. einer Sprechblockade)

Doch ich arbeite dran, versprochen 🤞 – und vielleicht hilft dieser Blogbeitrag dabei, ein bisschen nachzuvollziehen, wie ich diesen Sozialen Rückzug erlebe.

4 Gedanken zu „Time Out“

  1. Danke für Deine ehrlichen Worte zu diesem Thema! Ich bin sehr beeindruckt. Gut, dass Du erkannt hast, wie Du Dir ein Stück (Schutz-) Raum für Dich nehmen kannst.

    1. Ich danke dir 🥰
      Kennst du auch diesen sogenannten „Sozialen Rückzug“? Und falls ja, wie fühlt es für dich an?
      Du musst hier nicht öffentlich antworten, wenn du nicht magst 😉

  2. Danke für diesen tollen aber auch traurigen Beitrag. Ich hab ich selbst sehr in deinen Worten gefunden. Danke, dass du trotz allem diesen Beitrag geschrieben hast. Mir hat er wieder mal geholfen um selber Worte zu finden. DANKE. Bitte pass gut auf dich auf und achte auf deine Bedürfnisse. Liebe Grüße Christine

    1. Ich find’s immer wieder spannend, dass meine Erfahrungen und die daraus resultierenden Texte auch anderen Menschen einen gewissen Mehrwert bieten – das freut mich wahnsinnig. Also lieben Dank für deine Rückmeldung 🤗🤗 . Das gibt mir dern Mut weiter zu machen.

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