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Schreibblockade

„Hey Sonja, was macht dein Blog?“

Wenn du dir diese Frage auch schon gestellt hast, findest du vielleicht in den kommenden Zeilen eine Antwort. 😉

Seit mehreren Monaten blockiert mich „Etwas“ und ich finde es echt schwer an diesem Blog weiterzuschreiben. In meinem Kopf tauchen immer wieder Ideen auf, doch mindestens eins meiner inneren Monster hindert mich jedoch daran, diese Gedanken zu verschriftlichen.

Nun habe ich im World Wide Web den Tipp gefunden, doch „einfach“ mal darüber zu schreiben, was meinen Schreibfluss in den letzten Monaten zum Erliegen gebracht hat- im Prinzip also ein Beitrag über die eigene Schreibblockade. Los geht´s mit der Spurensuche.

Ursachensuche

Google spuckt sekundenschnell zahlreiche Ratschläge und Tipps aus, wie eine Schreibblockade ganz leicht überwunden werden kann, doch meistens beziehen sich diese Anregungen auf Studenten und ihre Schwierigkeiten mit Haus-, Master- und Doktorarbeiten.

Doch beim Durchscrollen stieß ich auch auf die möglichen Ursachen und ich erkannte mich vielen Punkten wieder

  1. innere Auflehnung gegen diese Anforderung.
  2. fehlende oder unzureichende Konzepte.
  3. Anspruch, sofort einen fehlerfreien, perfekten Text schreiben zu müssen.
  4. komplexe, aus mehreren Erzählsträngen bestehende und daher schwer überschaubare Struktur der zu schreibenden Texte.
  5. Zuviel an zu verschriftlichendem Material oder Unordnung desselben.
  6. unzureichende oder falsche Vorstellung von einem künftigen Leser, insbesondere die Angst vor einem überaus kritischen Leser, zum Beispiel vor dem Professor, der eine Haus- oder Examensarbeit beurteilen wird
  7. Angst zu versagen und sich vor anderen zu blamieren.
  8. psychische Probleme, insbesondere Depression oder bipolare Störungen
  9. neurologische Fehlfunktion des Hirnlappens

Chaos im Kopf

„Das darfst du nicht schreiben!“ oder „Das ist viel zu persönlich!“ tönt es dann lautstark in meinem Kopf und schalte den Computer zum Schreiben gar nicht erst ein. Irgendeins der Monster im Kopf protestiert immer gegen das gerade auftauchende Thema und lässt sich auch nicht überlisten, trotzdem dieses Thema anzugehen. Mein Kopf ist dann leer, lesbare Sätze fallen extrem schwer und der Gedankenflipper springt von einem Gedanken zum nächsten. Okay, ist halt gerade nicht dran, denke ich mir dann und beschäftige mich mit anderen mehr oder weniger wichtigen Dingen.

Sehr oft entsteht der Beitrag erst beim Schreiben selbst oder in meinem Kopf befindet sich ein Thema, das mich schon seit längerem oder auch ganz akut beschäftigt. Das muss dann raus und während dem Schreiben verarbeite ich meine eigenen Gedanken und Gefühle, d.h. ich verleihe ihnen Ausdruck und eine gewisse psychische Entlastung kann eintreten. Mit persönlichen Beispielen versuche ich Funktionen der menschlichen Psyche zu erläutern, mit dem Ziel über psychische Erkrankungen aufzuklären.

Details

In der letzten Zeit fiel dies mir zunehmend schwerer, da ich selbst für bestimmte Symptome keine Erklärung habe und mir so gar nicht klar ist, welche Punkte in der Aufklärung gerade neu und relevant sind. Ich will mich und die Theorie ja nicht ständig wiederholen.

Doch in der Therapie bespreche ich ein Thema auch öfter, wenn es sich mit 50min nicht zufriedenstellend abschließen lässt, sich neue Erkenntnisse ergeben oder das Thema plötzlich wieder aktuell wird, weil es sich wiederholt. Die Theorie dahinter ändert sich aber nicht – nur meine Gedanken dazu ändern sich oder ein anderes Monster im Kopf hat seine ganz eigene Ansicht darüber, die dann erneut ein ziemliches Chaos im Kopf auslöst. Ich müsste also mehr in die Tiefe der einzelnen Themen einsteigen, um die Unterschiede klar zu formulieren. Es geht teilweise um sehr persönliche Details und Erfahrungen, die ich noch nicht bereit bin in die Öffentlichkeit zu bringen. Auch in der Therapie schlagen da die Sprechblockaden und Dissoziationen voll zu und sie sind für mich mit unüberwindbaren Schamgefühlen verbunden. Schwierige Themen also….

falscher Zeitpunkt

Meistens fallen mir die Themen auch nachts ein, doch das ist, wahrscheinlich nicht nur für mich, ein sehr ungünstiger Zeitpunkt, um einen neuen Blogbeitrag in die Tasten zu hauen. Am nächsten Morgen verschwinden die im Kopf formulierten Texte bereits wieder, ich kann sie nicht mehr nachvollziehen oder sind für eine Veröffentlichung auf dem Blog nicht ausreichend. Inzwischen liegen mehrere begonnene Entwürfe von Beiträgen auf meiner Festplatte.

Blog Entwürfe

Doch diese Beiträge sind nicht ausgereift, eher ein Sammelsurium von Gedanken, Erlebnissen und Therapieerfahrungen. Man könnte es auch als einzelne Puzzleteile bezeichnen, die noch wirr auf einem Haufen liegen und ihren richtigen Platz bzw. passendes Gegenstück noch nicht gefunden haben (siehe auch hier) . Auch hier spielen meine Scham- und Schuldgefühle eine große Rolle.

Perfektionismus

Oft stellte ich mir in diesen letzten Monaten die Frage, ob meine Texte verständlich genug sind, um über das Erleben von psychisch Erkrankten aufzuklären. Wie viele Menschen habe ich ein großes Bedürfnis von meinem Umfeld verstanden und akzeptiert zu werden, Doch um psychische Erkrankungen ranken sich immer noch viele Vorurteile und Mythen, die dafür sorgen, dass diese Menschen einem hartnäckigem Stigma unterworfen sind, weil ihre Krankheit oft nicht sichtbar ist. Hier habe ich schon mal drüber geschrieben.

Gerade über Traumafolgestörungen mit den dazugehörigen Symptomen verfasste ich schon einige Blogbeiträge und umso entsetzter war ich, als eine regelmäßige Leserin dieses Blogs mir meine Krankheit/Symptome zum Vorwurf machte. Was gäbe ich dafür, meine Monster im Kopf nach Belieben ein- und ausschalten zu können, die Symptome ignorieren zu können, meine Krankheit einfach wegzaubern zu können. Wie auch ein Rollstuhlfahrer nicht „mal eben kurz die Treppe benutzen“ kann, wenn es keine Rampe gibt, so kann auch ich nicht „mal eben kurz meine Traumafolgen verschwinden lassen“, wenn mein Gegenüber auf die Krankheitszeichen von meinen Trauma trifft (z.B. Time – Out)

Dieses Erlebnis lässt mich nun daran zweifeln, ob der Blog hier überhaupt Sinn macht, ob er seinen Zweck nach Aufklärung und Verstanden werden überhaupt erfüllt?

Für mich selbst ist ja das Schreiben eine sehr gute Möglichkeit mir gedanklich zu sortieren, doch ob dazu eine Veröffentlichung nötig ist? Manchmal fehlt mir die Kraft, mich ständig bei Nachfragen zu mir und zu meinen Monstern im Kopf zu wiederholen und dann ist es oft leichter auf meinen Blog hinzuweisen, wenn wirkliches Interesse an meiner Person besteht. Daran erkenne ich, ob mein Gegenüber mich wirklich verstehen will und ehrliches Interesse an dem Thema hat. Zuhören um zu Verstehen und nicht Zuhören um zu Widersprechen.

Bitte nicht falsch verstehen: nicht jeder muss sich mit meinen Monstern beschäftigen, doch um mich und meine Reaktionen in manchen Situationen zu verstehen, kann es doch sehr hilfreich sein. Ich will mit den Symptomen der Traumafolgestörung ja niemanden (ver-)ärgern.

Beim Verfassen meiner Blogbeiträge recherchiere ich viel zum jeweiligen Thema und versuche meine persönlichen Erfahrungen mit wissenschaftlichen Kenntnissen zu untermauern. Aus dem Grund, weil es immer noch Menschen gibt, die psychische Erkrankungen mit einem „reiß dich mal zusammen!“ oder „anderen geht´s auch mal schlecht!“ behandeln und heilen wollen. Das sorgt bei mir oft für einen gewissen Druck gewissenhaft zu arbeiten und mich nicht zu sehr vom persönlichen Empfinden leiten zu lassen. Doch die Angst, völlig daneben zu liegen und sich vor einer zufällig mitlesenden Fachperson zu blamieren, taucht hin und wieder auf. „So können Sie das aber nicht schreiben. Das haben Sie völlig falsch verstanden/gelesen/wiedergegeben!“ so oder so ähnlich stellt sich mein Angstmonster die Reaktion vor und lässt bei mir ganz schnell den Gedanken „Versager!“ aufkommen. Es kostet mich wahnsinnig viel Kraft, dieses beim Schreiben zu ignorieren und diese Kraft hatte ich die letzten Monaten leider zu selten.

beschränkte Energiereserve

Diese fehlende Energie begleitet mich sowieso andauernd als chronisch kranke Person. Schnell bin ich auch nach sogenannten leichten Tätigkeiten erschöpft oder meine Monster machen mir von Anfang an einen Strich durch die Rechnung. Ich muss mich oft entscheiden für was ich die wenige Energie verbrauchen will und da steht Blog schreiben nicht immer oben auf der Liste. Ich nutze die Zeit dann lieber für eine Auszeit von meinen Monstern im Kopf, d.h. ich gehe laufen, trainiere im Fitnessstudio, versuche Freunde zu treffen oder mit ihnen zu telefonieren.

Auch wenn ich die Termine bei der Ergotherapeutin als seeehr hilfreich empfinde, bin ich nach den Therapietagen und oft auch danach sehr müde und erschöpft. Die Eindrücke und Erfahrungen während der Therapiestunde wirken oft lange nach und es dauert seine Zeit bis der Akku wieder aufgeladen ist (gefühlt ist dieser nie ganz voll). (Hier gibt´s bereits einen Beitrag dazu)

Ich wollte die letzten Monaten so wenig wie möglich außerhalb der Ergotherapie mit meinen Monstern im Kopf zu tun haben und versuchte deshalb so viele schöne Momente wie möglich zu sammeln. Gar nicht so leicht, wenn es noch so viele unbekannte Trigger für mich gibt, die sich nicht vermeiden lassen und mich in die Vergangenheit katapultieren – da reicht oft schon ein lautes Wort, ein Brief oder ein Fernsehfilm, um mit Panik, Heulattacken oder Dissoziationen zu reagieren. Gerade wenn durch bestimmte Trigger, Suizidgedanken und durch das dagegen ankämpfen, eine massive Erschöpfung ausgelöst werden, geht es für mich oft nur noch ums Atmen und Überleben, um diese Momente irgendwie zu überstehen. Um das aufzuschreiben fehlt mir die Kraft und außerdem ist die Angst, das Ganze erneut zu triggern, immer präsent.

Fazit

Puh! Wenn ich mir meinen Text jetzt selbst so durchlese, gibt es zahlreiche Blockaden, die mir das Schreiben eines neuen Beitrags erschweren. Ganz oben auf der Liste stehen wohl meine hartnäckigen Schuld- und Schamgefühle, die auch bei den Terminen mit der Ergotherapeutin sehr präsent sind.

Scham- und Schuldgefühle gehören zu den Folgen einer Traumatisierung und sind wohl bei den meisten Betroffenen zu finden.

Schuld und Scham sind die Schwestern von Trauma

Scham und Schuld – oftmals werden beide Begriffe im Austausch benutzt. Scham ist jedoch eine auf sich selbst bezogene Emotion, bei der man sich unwert, falsch und im schlimmsten Falle nicht lebenswert fühlt, eine Emotion, die uns vernichten kann.
Schuld ist dagegen auf andere bezogen. Man fühlt sich schuldig gegenüber einem Dritten, „ich habe etwas Falsches getan“.

Dami Charf, Traumatherapeutin

Ich denke, über dieses „Schuld/Scham-Thema“ werde ich irgendwann einen eigenen Blogartikel verfassen, um mich mit diesem Themenkomplex mal näher auseinanderzusetzen und so verarbeiten zu können. Zumindest in der Theorie, denn die Praxis schaut ja oft ganz anders aus. Denn nur ein Satz wie z.B. „du musst dich nicht schämen“ hat noch niemanden von seiner Scham befreit. Leider. Auch das Wissen, dass mich bei bestimmten Traumata theoretisch keine Schuld trifft, lässt die Zweifel, ob ich nicht doch einen Teil dazu beigetragen habe, noch nicht wirklich verschwinden. Sobald ich mir mit Hilfe der Ergotherapeutin über diese tiefsitzenden Gefühle klarer geworden bin, wird hier sicher von mir dazu ein neuer Beitrag veröffentlicht – ohne Schreibblockade. 😉

Wie gehst du mit diesen Gefühlen um? Lass mir gerne ein Kommentar 🗨 da oder schreibe mir eine Mail 💌

5 Gedanken zu „Schreibblockade“

  1. Liebe Sonja,
    ich bin begeistert, dass du offenbar die Schreibblockade ĂŒberwinden konntest.

    Ich glaube nicht, dass es fĂŒr dich so eine hohe Wichtigkeit haben sollte, anderen mit deinen BlockbeitrĂ€gen manches im Krankheitsbild zu veranschaulichen, zu erklĂ€ren und anderen zu helfen. Sollte dies passieren, hĂ€ttest du viel mit deinem Beitrag erreicht. Vielleicht erfĂ€hrst du darĂŒber, vielleicht aber auch gar nichts.

    Aber dein hoher Anspruch an deinen Blogbeitrag kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dazu fĂŒhren, dass du dich stark unter Druck setzt, was dich leiden lĂ€sst und bei dir bis zur Schreibblockade fĂŒhren kann.

    Ich wĂŒnsche dir, dass du StĂŒck fĂŒr StĂŒck deinen Anspruch an deine BeitrĂ€ge „herunterschrauben“ kannst und dadurch weniger oder gar keine Schreibblockaden mehr generierst.

    Und:
    Es ist nicht wichtig, wenn es negative Kommentare gibt! Jeder Mensch hat seinen Rucksack zu tragen. Das steht fest.

    Wer es nötig hat, jemand anderen zu beleidigen, hat (vielleicht) noch nicht begriffen, was bei ihm selbst so alles im Argen liegt. Dies wird mir seit Jahren stets erneut bestÀtigt.

    Meine liebe Sonja, könnte es sein, dass du gerade deine Schreibblockade ĂŒberwunden hast?

    Ich glaube schon. Oder?

    Ich bin sooo stolz auf dich! Du bist so toll!!

    Und wer glaubt, seine negativen Vibes hier drunter schreiben zu mĂŒssen: SO WHAT?

    FĂŒhle dich ganz fest umarmt! Bettina

    1. Stimmt 😊 Die Blockade ist erstmal ĂŒberwunden und vom nĂ€chsten Thema habe ich ja schon ne gewisse Vorstellung. Mal schauen wann das „reif“ ist.
      Und wie du schon richtig festgestellt hast, ist dieses „sich selbst unter Druck setzen“ irgendwie Dauerthema von mir 🙈🙈. Ich scheitere gern an meinen eigenen AnsprĂŒchen und ich tu mich echt schwer das richtige Maß an Be- und Entlastung zu finden – gerade im Vergleich zu anderen. Ich arbeite dran ✌✌
      Danke fĂŒr deine RĂŒckmeldung. đŸ€—đŸ€—

  2. Hast du dich jetzt mit anderen verglichen? Bist du gerade in eine Falle getappt? Es passiert so leicht. Ich weiß. Und das ist sehr menschlich!! Ich kenne dieses Anspruchsdenken doch selbst. Ich weiß auch wie schwierig es ist, Gewohnheiten zu Ă€ndern. Aber wir haben es erkannt! Das ist mega. Das dĂŒrfen wir nicht runterspielen wie wir es auch gerne tun. Damit wĂŒrden wir uns am Ende noch selbst entwerten. Sorry, das hat niemand verdient. Ich drĂŒcke uns beiden und allen anderen die Daumen, die diese große/artige Aufgabe auf sich nehmen, sich selbst zu reflektieren und es nicht scheuen, hart an sich zu arbeiten, wissend wie anstrengend und KrĂ€fte zehrend diese Arbeit tatsĂ€chlich ist und immer noch nicht aufgegeben haben. Das ist wirkliche GrĂ¶ĂŸe wie ich es verstehe. Danke fĂŒr deine hilfreichen Feedbacks in den vergangenen sieben Jahren. Hochachtungsvoll (hier passt der Ausdruck!), Bettina

  3. Es ist auch normal fĂŒr traumatisierte Menschen, dass die AnsprĂŒche an sich selbst unfassbar hoch sind. Perfektion ist SchutzbedĂŒrfnis.

    Es wÀre auch völlig ok und ein nachvollziehbarer Ansatz, einfach runter zu schreiben, was da ist. Ohne ErklÀrung, ohne Anspruch auf objektive Richtigkeit. Es ist deine/ eure Wahrheit, die zÀhlt.
    Scheiß auf Leute, die nicht verstehen . Schwer, ja. Angreifbar, ja. Aber das hier ist dein Ort!

Schreibt mir hier gerne, was euch zu diesem Beitrag einfÀllt (Kommentare, Fragen, Anmerkungen) oder auch persönlich per Mail monsterimkopf [at] email. de

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