Trigger – wenn Monster im Kopf automatisch aktiv werden

Alarm im Kopf

Gar nicht so einfach einen Beitrag über Trigger zu schreiben, ohne dass meine Monster dies als willkommenen Anlass nehmen, Chaos im Kopf zu veranstalten.

Doch mir ist dieses Thema sehr wichtig, um aufzuzeigen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen sich nicht einfach „zusammenreißen“ und ihr Verhalten, ihre Gedanken, ihre Gefühle nicht immer mit dem Verstand beeinflussen können. Das bedeutet, in bestimmten Situationen laufen im Gehirn automatische Prozesse ab, die allein mit dem Willen nicht gestoppt werden können.

Meine Monster im Kopf haben da also ihr eigenes System um mit Ereignissen umzugehen und mein Verstand besitzt da oft kein Mitspracherecht. – Sätze, wie „du musst nur wollen“, „stell dich nicht so an“, „du musst nur mit xy aufhören“ sind ziemlich wirkungslos und interessieren meine Monster in diesen Momenten herzlich wenig, sie wissen es einfach besser. Wenn meine Monster einen ihnen bekannten Trigger wahrnehmen hält sie nichts mehr auf und das Monster-Chaos-Programm startet, ohne dass ich immer dagegen steuern kann.

Was sind Trigger eigentlich?

Der Begriff Trigger kommt aus dem Englischen und heißt übersetzt Auslöser. Ein Trigger ist also Reiz auf den eine bestimmte Wirkung folgt.

Bedeutungen:
1. allgemein: Abzug, Drücker, Zieher 2. Elektrotechnik: Elektronisches Bauelement zum Auslösen eines Schaltvorganges 3. Kybernetik: Impuls, der einen Schaltvorgang auslöst 4. relationale Datenbanken: Auslöser von Funktionalitäten, die Tabellenzugriffe erlaubt, verhindert oder weitere Tätigkeiten vornimmt. 5. Psychologie: (einen Anfall) auslösender Schlüsselreiz

Quelle Wikipedia

Viele Funktionen beim Menschen laufen nach dem Prinzip „auf Reiz/Auslöser folgt Reaktion“ ab und dieses Wissen macht sich vor allem die Medizin oft zu nutze, um bestimmte Abläufe im Körper zu beurteilen und eventuelle Störungen/ Krankheiten zu erkennen.

Hier ein paar Beispiele:

  • ihr kommt an einer Bäckerei vorbei und der Geruch von frischen Kaffee, der -Anblick von frischen Backwaren lässt euch das Wasser im Mund zusammen laufen
  • der Arzt klopft mit seinem Hammer auf eurer Knie und eurer Bein schnellt nach oben
  • ein Staubkorn gelangt ins Auge, das dann sofort anfängt zu tränen.
  • Blütenpollen lösen bei Allergikern juckende Augen und laufendende Nasen aus
  • empfindliche Zähne schmerzen, wenn sie mit kalten Wasser in Berührung kommen
  • fiese Bazillen dringen in den Organismus ein und das Immunsystem startet sein Abwehrprogramm

Doch nicht nur Körperreaktionen können ausgelöst / getriggert werden, sondern auch Emotionen, Gedanken und Erinnerungen. Der rationale Verstand spielt bei diesen Abläufen keine Rolle, d.h. er kann sie nicht beeinflussen
Und darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Trigger in der Psychologie

In der Psychologie sind Trigger eng mit den Themen Gedächtnisfunktion und Erinnerung mit all den dazugehörigen Gedanken, Gefühlen und Emotionen verbunden. Oft werden durch verschiedene Sinneseindrücke, wie Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Berührungen, die vergangenen Erlebnisse und Erfahrungen erneut ins Gedächtnis gerufen, also getriggert.

  • Z.B. ein Song erinnert dich an die schöne Zeit im Urlaub und Bilder vom Strand, Sonne, Meer tauchen vor deinem inneren Auge auf.
  • der Geruch von einem bestimmten Aftershave/ Parfum erinnern dich an deine/n Lieblingsmenschen, bei dem du dich sehr wohl fühlst, kommst vielleicht, wenn es die Zeit erlaubt, ins Träumen und dadurch kannst du dich entspannen. (* Entspannungs-/Traumreisen funktionieren oft nach diesem Prinzip).
  • du schaust dir ein altes Foto an und plötzlich wirst du traurig, weil darauf Menschen zu sehen sind, die nicht mehr leben.
  • du findest allein den Geruch von Langos eklig, weil du als Kind irgendwann mal zu viel davon gegessen hast und dir deshalb schlecht wurde.

Das ist aber nichts krankhaftes, sondern etwas, was jeden Menschen betrifft und solange diese auftauchenden Erinnerungen den Menschen nicht belasten oder er sich davon im Alltag nicht eingeschränkt fühlt, ist alles in Ordnung. Doch dann gibt es noch Trigger, die den gesamten menschlichen Organismus in Alarmbereitschaft versetzen.

Trigger und der Überlebensmechanismus

Jedes Lebewesen (so auch der Mensch) hat ein System, dass ihm bei drohender Lebensgefahr das Überleben sichern kann. Das macht Sinn, weil oft nicht viel Zeit bleibt zu reagieren und ein Denkprozess meistens dazu lange dauert, um zu entscheiden, ob bei einem Angriff auf das eigene Leben kämpfen oder flüchten sinnvoller wäre. Durch einen Auslöser (Trigger) werden alle Systeme im Körper (z.B. Atmung, Muskulatur, Blutdruck) blitzschnell aktiviert, um den Kampf oder die Flucht zu ermöglichen. Vor allem diese Schnelligkeit entscheidet meistens über Leben oder Tod. Für was sich das System entscheidet hängt von den Erfahrungen ab, die das Lebewesen vorher gemacht hat bzw. auch von Generation zu Generation weitergegeben wurden bzw. angeboren sind.

schematische Darstellung des Gehirns

Beim Menschen (sowie bei allen Säugetieren) findet man dieses System im Gehirn, genauer gesagt im Limbischen System, auch emotionales Gedächtnis genannt. Vor allem die Amygdala trägt hier einen großen Anteil dazu bei.

Die Amygdala (Mandelkern) ist eine Struktur im Gehirn, in der sogenannten Grundgefühle und Überlebensinstinkte verortet sind. Sie ist gewissermaßen ein Speicher für Gefühlszustände, Bilder und körperliche Reaktionen und funktioniert ähnlich wie ein Alarmknopf, der bei Gefahr anspringt, wenn etwas einem früheren Erlebnis ähnelt (Trigger)

genauere Informationen zu diesem Alarmsystem gibt’s hier oder bei Google unter dem Stichwort Traumagedächtnis

Meine Monster im Kopf nutzen diese Alarmanlage in meinem Gehirn leider viel zu oft und sorgen so für das Chaos, das einem Überlebenskampf sehr ähnelt, nicht nur in meinem Kopf. Sie lösen bei scheinbar harmlosen Gegebenheiten Alarm aus, weil sie schon mal die Erfahrung gemacht haben, dass genau diese Situation, dieser Gegenstand, diese Handbewegung, diese Person, schon mal gefährlich für mich und mein Leben war.

Feuer frei für die Amygdala

Meine Amygdala ist inzwischen überstrapaziert und gibt schon bei Situationen, die den Erfahrungen ähneln, Großalarm ohne dass mein Verstand / mein rationales Gedächtnis eingreifen kann. Grund dafür ist, dass bei extremen Stress (was ja so ein Alarm auch ist) die Verbindung zwischen Amygdala und meinem Gedächtnis nicht funktioniert. Es muss ja schnell gehen, das Suchen nach den passenden Erinnerungen, kann für das reine Überleben schon zu lange dauern. Absolviert man zu diesem Zeitpunkt einen Gehirnscan, könnte man die aktivierte Amygdala deutlich erkennen

Trigger, die Amygdala so in Alarm versetzen, sind bei jedem Menschen, so individuell wie die Erlebnisse, die das Trauma verursacht haben. Trigger kann so ziemlich alles sein, was bewusst oder unbewusst, an das Trauma erinnert. Hierzu gehören zum Beispiel Orte, Gefühle, Gerüche, Personen, ja sogar Jahres- und Tageszeiten.

Meine Monstern im Kopf geraten z.B. in den Alarmzustand bei allem was mit Behörden zu tun, da ich dort einige schlimme Erfahrungen machen musste, die mit massiven Ohnmachtsgefühlen und Hilflosigkeit einhergingen und oft Existenzängste ausgelöst haben. Inzwischen reicht manchmal sogar das Logo meiner Krankasse, um diese Gefühle erneut zu durchleben. Oft reagiere ich dann mit Panik, Herzrasen und Dissoziationen (eine Art Gefühl neben sich stehen). Wer schon mal Todesangst erlebt hat, kann vielleicht nachfühlen, dass extreme Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle ein Gefühl der Vernichtung auslösen können.

Hier könnt ihr noch andere häufige vorkommende Trigger-Arten nachlesen und welche Reaktionen dadurch ausgelöst werden können.

Mit Hilfe von professioneller Unterstützung (Therapie und Medikamente) versuche ich meine Amygdala und das ganze Überlebenssystem wieder zu beruhigen und bestenfalls eine normale Funktion zu erreichen. Dies braucht aber Zeit, denn die fehlenden bzw. zerstörten Verbindungen im Gehirn müssen repariert bzw. neu angelegt werden. Jeder Trigger, der erneut Alarm auslöst, verlangsamt das Wachstum der neuen Verbindungen bzw. zerstört sie. Man spricht dann in der Fachwelt auch oft von Retraumatisierung.

Retraumatisierung wird eine Wiederholung bzw. erneutes Erleben eines psychischen, seelischen oder mentalen Traumas genannt.

Quelle Wikipedia

Das so eine Retraumatisierung vermieden werden sollte, dürfte jedem klar sein und deshalb ist es am Anfang sicher notwendig, so gut wie möglich den auslösenden Trigger aus dem Weg zu gehen und in der Therapie vorsichtig – bestenfalls im Rahmen einer Traumatherapie – das Trauma aufzuarbeiten.

Wie das funktioniert sprengt jetzt aber den Rahmen meines Beitrags. 😉

6 Gedanken zu “Trigger – wenn Monster im Kopf automatisch aktiv werden”

  1. Vielen Dank für diesen sehr gut geschriebenen Beitrag! Ich hoffe, er verbreitet sich fleißig. 🙂 Was ich noch in der Therapie gelernt habe (wenn ich es nicht falsch verstanden hab) ist, dass sich die Trigger auch immer mehr verselbstständigen können. Zumindest scheint es bei mir so zu sein, dass ich jahrelang meinen „klassischen“ Triggern weitestgehend aus dem Weg gegangen bin und es gefühlt trotzdem immer mehr geworden sind. Und nicht nur das, sie sind auch irgendwie „abstrakter“ geworden. Teilweise weiß ich dann gar nicht, was genau der Auslöser war. Und warum. Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass du deine Amygdala ganz bald ruhiger bekommst!

    1. Vielen lieben Dank für deine Rückmeldung. Dass sich Trigger verselbständigen können, hab ich auch schon mal gehört und ich glaube, dass dies mit der überstrapazierten Amygdala zu tun hat. Sie ist dann so empfindlich, dass sie schon auf einen Trigger, der nur minimal an das belastende Ereignis erinnert, reagiert. Oder wie beim Schneeballsystem, ein Trigger einen anderen Trigger auslöst und man schließlich gar nicht mehr weiß, wie das mit dem ursprünglichen Ereignis zusammen hängt…

  2. Hallo -Ein sehr interessantes Thema mit den Triggern – ist sehr gut beschrieben von Dir…. habe mir da in der Vergangeheit auch schon meine Gedanken gemacht.

  3. Danke für diesen Beitrag! Ich fühle mich wieder einmal so verstanden. Ich wünschte, ich könnte diese Emotionen etc. selbst bald mal für mich formulieren… Liebe Grüße, Bettina

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