Kunsttherapie – wenn mir die Worte fehlen

Ich kann doch nicht malen

Dieser Gedanke kommt wahrscheinlich vielen in den Kopf, die mit dem Thema Kunsttherapie bzw. Gestaltungstherapie in Berührung kommen. Auch bei mir blinkte dieses „ich kann nicht malen“ in großen Lettern vor meinem inneren Auge auf, als ich bei meinem ersten Klinikaufenthalt den Baustein „Gestaltungstherapie“ in meinem Therapieplan las. Er wurde 1x wöchentlich als Gruppentherapie angeboten und allein dieser Gedanke lies mein Herz vor Angst rasen. Malen? Auch noch in der Gruppe ?!? Oh nein!! Irgendwie musste ich an meine Erfahrungen in der Schule im Kunstunterricht denken: berühmte Bilder nachmalen, die benotet wurden und Lehrer, die mit dem Rotstift meine Bleistiftzeichnungen korrigierten. Auch der muffigen Geruch nach nassem Schwamm, offenen Farbentuben und feuchtem Papier gemischt mit dem übelriechendem Abfluss im Waschbecken, in dem die benutzten Pinsel ausgewaschen wurden, schoss mir sofort in die Nase. 👃 🙊🙊

Erste Erfahrungen mit der Gestaltungstherapie

Im Gegensatz zu meinem Psychiatrieaufenthalt, bei dem Kunsttherapie/Ergotherapie als reine Beschäftigungstherapie angeboten wurde, ging´s während der stationären Psychotherapie in der Klinik darum, sich seinen Problemen mit Hilfe von nonverbalen Medien zu nähern und zu bearbeiten. Soweit die Theorie 😉
Für mich war diese wöchentliche Einheit ein zusätzliches Problem, dass mir ziemlich Bauchschmerzen bereitete und ich schon Tage vorher angespannt und ängstlich auf diese Gruppentherapie reagierte.

In dieser Klink dauerte die Gestaltungstherapie 90min und lief fast immer gleich ab: zuerst erzählten alle Patienten der Reihe nach wie es ihnen aktuell geht und welches Thema sie im Moment beschäftigt. Mit Hilfe des Gruppentherapeuten besprachen sie dann, wie sie gestalterisch an dieses Thema ran gehen können und welche Materialien dazu benötigt werden, z.B. Bunt- oder Filzstifte, (Wachsmal-)Kreide, Blei- oder Kohlestifte, Wasserfarben, Ton, Papiergröße, usw. Bis ca. 30min vor Ende der Therapieeinheit konnte jeder Patient an seinem heutigen Projekt arbeiten und sollte es dann soweit fertig gestellt haben, dass er dem Therapeuten und den anderen Gruppenmitgliedern seine Arbeit präsentieren konnte. Anschließend durften die anderen sein Projekt kommentieren oder Fragen dazu stellen. Daraus sollen dann neue Impulse für die weitere Therapie entstehen.

Mich setzte dieses Vorgehen ziemlich unter Druck, denn jede Woche musste ich so ein Thema finden, das ich erstens irgendwie gestalten/malen konnte und gleichzeitig dazu die möglichen Fragen des Therapeuten bzw. der Mitpatienten aushalten und beantworten können. Ich hatte schon damals große Angst als dumm dazustehen, weil ich Schwierigkeiten hatte mich mit meinem Inneren auseinanderzusetzen. „Nur“ malen war für mich noch irgendwie vorstellbar (im Sinne von Beschäftigungstherapie) – doch dann noch drüber zu reden, Worte zu finden und auch noch Schlüsse daraus zuziehen überforderte mich wahnsinnig. Also beobachtete ich meine Mitpatienten genau, wie sie die Stunde für sich gestalteten, welche Themen bei ihnen in den Vordergrund rückten und versuchte mir ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu merken, um sie dann leicht auf mich angepasst zu kopieren. Darüber mit meinem Einzeltherapeuten zu reden, auf die Idee kam ich damals nicht – zu sehr war mir meine vermeintliche Unfähigkeit peinlich.

nur Kopf und Hände spüren
eigene Zeichnung 2010

Erst am Ende des stationären Aufenthalts (nach 14 Wochen) bekam ich ein Ahnung davon, was es bedeutet, sich mit seinem Inneren, mit meiner Seele/Psyche zu beschäftigen und darauf einzulassen, sich die seelischen Probleme näher anzuschauen. Ich habe bis dahin immer gegenüber den Therapeuten behauptet: ich habe keine Gefühle und brauche auch keine, um zu funktionieren. Heute kann ich über meine Aussage nur den Kopf schütteln. Doch damals war ich davon überzeugt und auch ein wenig stolz, mit dem „Gefühlskram“ nichts zu tun zu haben.

Erst ein nächtliches Notfallgespräch mit einem Pfleger offenbarte mir, dass es in/bei mir noch mehr gibt, als den „Funktionsmodus“. Auch in diesem Gespräch fehlten mir die Worte, ich brachte keinen Ton heraus und konnte nur nicken oder mit dem Kopf schütteln. Mit Hilfe von ja/nein-Fragen entdeckte er einen anderen Anteil von mir, der sich nur durch Gesten/ Mimik äußerte und ziemlich unter dem Motto „Hauptsache funktionieren“ litt. Der Pfleger riet mir diesen Anteil nicht mehr zu ignorieren und herauszufinden was er braucht, damit es ihm besser geht. Total verwirrt und vor allem irritiert, was da passiert ist, verließ ich das Stationszimmer und wünschte mir die Therapie verlängern zu können, um mit Hilfe meines Einzeltherapeuten dieses Erlebnis einzusortieren. Doch die Krankenkasse übernahm die Kosten einer Therapie-Verlängerung nicht mehr und so mussten der Therapeut und ich, die letzten Tage damit verbringen, mich soweit zu stabilisieren, dass ich zuhause einigermaßen zurecht kam. „Teilstabilisiert entlassen“ nennt man das dann im Therapeuten-Deutsch.

Mülleimer-Malen

Wieder zu Hause entdeckte ich das Malen für mich: ich bemerkte dass ich beim Malen und Zeichnen ruhiger wurde und auf dem Papier Bilder entstanden, die teilweise ausdrückten, wofür ich immer noch keine Worte fand bzw. Worte, die nicht alles ausreichend erfassten, was ich mitteilen wollte. Oft lies nach der Fertigstellung eines Bilds meine innere Anspannung nach und ich konnte besser einschlafen. (Meine Ergotherapeutin nannte das Mülleimermalen: nicht, weil das das Bild für die Tonne war, sondern weil das Malen für mich etwas Entlastendes war, also die quälenden inneren Zustände aus mir raus konnten und erstmal weg waren)

Anfangs malte ich noch nur für mich, doch irgendwann entstand der Wunsch über meine Bilder zu sprechen bzw. mit Hilfe der Bilder mich mit meiner damaligen Therapeutin über das auszutauschen, was mich belastete, aber noch nicht in Worte und Sätze passte. Leider hatte ich den Eindruck, dass die Therapeutin meine Bilder nicht wirklich interessierten. Hin und Wieder nahm ich eins in die Therapiestunde, um darüber zu sprechen, doch außer ein „interessant!“ oder „sehr aussagekräftig!“ kam von ihr nicht. Leider traute ich mich auch nicht weiter nachzufragen, denn bei der ersten Nachfrage bekam ich als Antwort „malen Sie einfach weiter, wenn es Ihnen gut tut“. Mehr nicht – und so brachte ich irgendwann keine weiteren Zeichnungen mehr mit.

Monate später bat ich meinen behandelnden Psychiater um Unterstützung, weil ich den Eindruck hatte, dass mir die Psychotherapie allein nicht ausreicht, um mich zu stabilisieren. Sein erster Vorschlag, eine Behandlung in einer Tagesklinik, kam für mich zu diesem Zeitpunkt nicht in Frage, denn ich fühlte mich nach einer erneuten gescheiterten beruflichen Wiedereingliederung nicht in der Lage, 5x die Woche von 8:00 -16:00 Uhr plus Fahrzeit an Therapien teilzunehmen. Eine Nachtklinik (mir gings besonders abends schlecht) die ich mir wünschte, um abends nach den täglichen Belastungen aufgefangen zu werden, existierte nicht (zumindest hier in der näheren Umgebung) Doch er wusste von meinen Bildern und so stellte er eine Verordnung für 10 Termine Ergotherapie aus und empfahl mir eine Therapeutin, die ambulante Kunsttherapie anbot. Ich könne mir das ja mal anschauen und ausprobieren, ob diese Therapieform etwas für mich ist.

Hilfreiches Malen

Und ich muss sagen, dieser Tipp mit der Ergotherapie hilft mir seit dem enorm weiter. Doch auch hier machte ich mir anfangs wahnsinnigen Druck, besonders produktiv sein zu müssen. Gerade ein Bild während der Stunde zu malen und dabei auch noch beobachtet zu werden, blockierte mich und das Blatt blieb leer. Und so einigten wir uns erstmal darauf, dass ich zuhause male und das Bild dann mitbringe. Das „darüber-sprechen“ dauerte aber nochmal ein Vielfaches länger, bis ich es konnte, aber die Kreativität der Kunsttherapeutin kannte kaum Grenzen. Stellte sie mir zu Beginn noch Fragen, die ich mit Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte, ging´s später darum nicht mein Bild und die Bedeutung für mich zu besprechen, sondern darum das Bild so zu verändern, dass es nicht mehr belastend für mich ist.

Beispiel 1: Reduzierung von belastenden Gefühlen

Mir ging es in den vorherigen Tagen sehr schlecht und meine Gedanken drehten sich immer mehr darum, so nicht mehr weiter leben zu wollen. Nachts entstand ein Bild mit denen ich den Suizidgedanken mit viel schwarzer Farbe und Skizzen von meinem möglichen Ende Ausdruck verlieh. Um es vorweg zu nehmen: ich wollte mich nicht umbringen, doch die Sätze, die mir meine Monster im Kopf zuschrien, ließen sich nicht ausschalten und quälten mich täglich. Es kostete mich sehr viel Kraft, nicht darauf zu hören und sie zu ignorieren.

Ich brachte also dieses Bild mit und Frau Ergotherapeutin sah sich mit mir gemeinsam diese dunkle Zeichnung an. Ich schämte mich fürchterlich über diese Gedanken in meinem Kopf und wendete das Blatt, um diese Skizzen nicht mehr sehen zu müssen. Die Kunsttherapeutin schlug mir vor, dem Bild einen Rahmen zu geben, mit den Dingen die mir gut tun, bei denen diese dunklen Gedanken nicht auftauchten. Wir legten also meine Zeichnung auf ein größeres Papier und ich gestaltete darum einen Rahmen, in dem ich einen Wald, ein Fahrrad, Freunde, Berge, meine Hängematte usw. zeichnete. Auf die Frage, ob es mir nun besser gehe bzw. ob sich mein Gefühl veränderte, konnte ich leider nur den Kopf schütteln. Irgendwie dominierte für mich die schwarze Farbe immer noch.

Während wir gemeinsam überlegten was wir daran ändern könnten, überkam mich ein Impuls und ich drehte das dunkle Blatt einfach um. „Das muss weg“ sagte ich und brachte damit die Therapeutin auf eine neue Idee. Sie legte über meine Zeichnung ein durchsichtiges Papier und gab mir den Auftrag, über mein Bild auf das Durchsichtige zu malen. Fast ganz von allein entstanden dicke Balken, Gitter, Riegel und Vorhängeschlösser, die die schwarzen Skizzen verdeckten. Danach war total erschöpft, aber ich fühlte mich viel besser und erleichtert. Für mich eine krasse Erfahrung – ohne viel Worte belastende Gefühle zu reduzieren. Genial!

Beispiel 2: wie Kunsttherapie bei mir wirkt

Ich hatte lange Zeit Albträume in denen ich ertrunken bin. Egal ob es ein Zug, ein Hotel, meine Wohnung, ein Schiff, ein Strand, mein Auto oder noch mehr war, ich geriet im Traum immer in Situationen, in denen Wasser ein Rolle spielte und mich früher oder später Flutwellen überraschten und ich hilflos zugucken musste, wie Wassermassen mich langsam einschlossen, ich schließlich keinen Platz mehr zum Atmen hatte und ertrank. Oft wachte ich schweißgebadet auf und hoffte, dass die Nacht bald rum ist. Auch in mehreren Gesprächen mit meiner ehemaligen Therapeutin ergab sich keine Lösung, ganz im Gegenteil: ich hatte den Eindruck, dass die ehemalige Therapeutin von meinen widerkehrenden Albträumen genervt bzw. gelangweilt war und so schwieg ich wieder einmal.

Rettungsinsel
eigene Zeichnung 2014

Doch die Kunsttherapeutin nahm meine Albträume ernst und versuchte mit mir gemeinsam eine Lösung zu finden. Nach einigem hin und her, getesteten und verworfenen Zeichnungen, entstand in meinem Kopf ein Bild von einer Rettungsinsel, die zwar keine Dauerlösung ist, mich aber wenigstens vom Ertrinken bewahren kann. Daheim gestaltete ich auf dem Papier eine Rettungsinsel, die ich bei Bedarf einsetzten konnte. Und ob ihr`s glaubt oder nicht, seitdem haben sich meine nächtlichen Ertrinkungsszenarien erheblich reduziert und sind oft monatelang nicht vorhanden.

aktuelle Situation mit der Kunsttherapie

Inzwischen bin ich schon 6 Jahre bei dieser Ergotherapeutin und mache weiter Fortschritte meine inneren Zustände in Worte fassen zu können. Ich besitze ein Notizbuch in dem ich bei Bedarf „Mülleimer male“ und auch mit Unterstützung von Bildbearbeitung – Apps auf dem Smartphone und dem Computer, finde ich kreative Möglichkeiten mich auszudrücken, wenn Worte nicht ausreichen. Auch Mini-Filme sind so bereits entstanden, denn bewegte Bilder bieten mir nochmal andere, neue Chancen mich mitzuteilen.

Es gibt sogar schon Therapiestunden, die ohne kreatives Gestalten auskommen und die Ergotherapeutin mir auch mit verbalen Erklärungen weiter helfen kann. Doch immer wieder komme ich in Situationen, die mir die Sprache verschlagen, d.h. in meinem Kopf herrscht ein großes Durcheinander an Sätzen, Aussagen, doch aus meinem Mund kommt kein Wort. Sprachblockade, nennt das die Therapeutin und so greifen wir regelmäßig auf die nonverbale Möglichkeit zurück. Gerade um das Chaos meiner Monster im Kopf, meine innere Zerrissenheit durch die inneren Anteile besser zu beschreiben und zu verdeutlichen, nehme ich gerne Bausteine, Figuren oder Farben zu Hilfe – aus zweidimensional wird dreidimensional.

Auch in der Traumatherapie finde ich diese unterschiedlichen Darstellungsoptionen eine tolle Möglichkeit mich verständlich zu machen und verstanden zu werden. Jetzt hoffe ich, dass die Krankenkasse weiter mitspielt und mir nicht wieder neue Steine in den Weg legt. Mein behandelnder Arzt unterstützt mich da gottseidank weiter, in dem er mir regelmäßig eine neue Verordnung für Ergotherapie ausstellt. Dafür bin ich ihm mega dankbar. 🙏🙏

2 Gedanken zu „Kunsttherapie – wenn mir die Worte fehlen“

  1. Oh, wie wunderbar! Ich freue mich so sehr für dich, dass du einen Zugang zu dieser wunderbaren Form des Ausdrucks gefunden hast und sie für dich stimmig nutzen kannst! Du hast wirklich schon einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. Ich glaube auch, dass diese sehr strukturierte Herangehensweise in der Psychiatrie vor so vielen Jahren für viele Patient*Innen schwierig ist/war und dass du damit nicht alleine warst. Schön, dass du dann langsam gute und heilsame Erfahrungen machen konntest.
    Und danke, dass du diese Bilder mit uns teilst!

    1. Herzlichen Dank für deine liebe Rückmeldung.
      Ja die ersten Erfahrungen mit dieser Therapieform waren schon sehr schwierig und ich dachte, die Mitpatienten kommen damit besser klar als ich. Darüber geredet wurde leider nicht, zumindest habe ich davon nichts mitbekommen.

      Jetzt bin ich natürlich mega froh, diese anderen Erfahrungen machen zu können. Vielleicht kann ich ja mit meinem Beitrag anderen Patienten auch Mut machen, diese nonverbalen Therapien mal auszuprobieren.

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