Ich spüre was, was du nicht siehst

Meine Monster im Kopf sind unsichtbar – darüber habe ich ja schon mal einen Blogartikel verfasst – und auch wenn sie von außen nur selten wahrnehmbar sind, beeinflussen sie mein Leben doch ziemlich stark.

eigene Gestaltung des Eisbergmodells 2018

Auf den ersten Blick ist es für Außenstehende oft schwer zu erkennen, dass ich mit psychischen Erkrankungen lebe. Erst im (näheren) zwischenmenschlichen Kontakt zeigen sich meine Probleme deutlicher und die Symptome meiner Traumafolgestörung treten mehr in den Vordergrund:

  • Wortfindungsstörungen bis hin zur Sprachblockade
  • Schwierigkeit den Blickkontakt zu halten
  • Probleme, angemessen auf Kritik zu reagieren
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme (es fällt mir z.B. schwerer einem Gespräch durchgehend zu folgen)
  • Herzrasen /Zittern
  • Anspannung / Verkrampfen (ein Tag später gibt´s dann meistens Muskelkater, Verspannungen, Muskelschmerzen)
  • Weinen bis hin zu Weinkrämpfen
  • Dissoziationen (von Erstarren bis hin zum Weglaufen)

Ursache sind häufig diese verdammten Trigger 😖 – denn Worte, Blicke oder Gesten vom Gegenüber können ebenfalls als Trigger fungieren und diese Reaktionen auslösen, die aufgrund meiner Erfahrungen mit zwischenmenschlicher Gewalt entstanden sind.

emotionale / psychischer Gewalt

Doch manchmal liegt die Ursache nicht (nur) bei mir und meinen traumatischen Erfahrungen, sondern auch an dem verletzenden Verhalten meines Gesprächspartners, der bewusst/absichtlich oder auch unbewusst/unabsichtlich mich mit seinen Worten und Aussprüchen schmerzhaft attackiert. Dies ist dann verbale Gewalt, eine Form der emotionalen/psychischen/seelischen Gewalt.

Unter verbaler Gewalt versteht man das Erniedrigen einer Person durch Worte. Dabei geht es aber nicht nur um einen Streit. Auch eine aggressive Art ist nicht zwingend notwendig. Der Täter kann ganz ruhig sprechen und trotzdem Gewalt ausüben. Es werden Drohungen ausgesprochen, die das Opfer sehr stark verletzen können. Oftmals besteht auch ein Abhängigkeitsverhältnis. Es entsteht eine Art Kreislauf, dem sich das Opfer nur schwer entziehen kann.

Und diese vermeintlich kleinen Verletzungen sind schmerzhaft – und je öfter sie auftreten und je näher mir diese Person steht, um so schmerzhafter werden sie. Wie eine körperliche Wunde, die immer wieder belastet wird, nicht versorgt wird und so nicht heilen kann.

Seelische / Emotionale Verletzungen lösen also je nach Dimension mehr oder weniger starke Schmerzen aus. Doch während jemand mit körperlichen Problemen (z.B. Rücken-, Brust- und Bauchschmerzen) Mitgefühl von seinem Umfeld bekommt und/oder empfohlen wird, zum Arzt zu gehen, hören Menschen mit seelischen Schmerzen oft den Ratschlag „sich nicht so anzustellen“, „sich ein dickeres Fell zu zulegen“ oder „es einfach zu vergessen“.

Doch die Gehirnforschung stellte bereits fest, dass im Gehirn seelische Schmerzen dieselben Hirnareale aktiviert werden wie beim körperlichen Schmerz

Gehirn: Körperliche und seelische Schmerzverarbeitung ähnlich
Liebeskummer wird gerne mit dem Terminus „Herzschmerz“ umschrieben und tatsächlich klingen sprachliche Formulierungen für seelisches Leid häufig ähnlich wie Beschreibungen von körperlichem Schmerz. Das menschliche Gehirn könnte den Redewendungen nun Recht geben – denn laut einer aktuellen Studie verarbeitet es tatsächlich physische und emotionale Verletzungen auf sehr ähnliche Weise.

Quelle und mehr Infos: ORF Science – Neues aus der Wissenschaft

Ich denke viele von euch können den Schmerz nachempfinden, wenn z.B. ein geliebter Mensch oder das geliebte Haustier stirbt. Oder auch Liebeskummer verursacht oft starke Schmerzen. Diese Schmerzen fühlen sich real an, auch wenn sie weder auf Röntgenbildern, Blutuntersuchungen oder sonstigen Untersuchungen sichtbar und nachweisbar sind. Es tut einfach verdammt weh, oder? Viele Sprichwörter ziehen schon lange eine Verbindung zur Seele und Körper in Betracht: z.B. „es bricht mir das Herz“, „etwas schlägt mir auf den Magen“, „Seelenschmerz“. Inzwischen entdeckte die Forschung sogar, dass seelische Schmerzen Symptome verursachen können, die einem Herzinfarkt ähneln und das EKG dementsprechend verändern (vgl. Broken Heart Syndrom).

Meine Erfahrungen mit psychischer Gewalt

eigene Gestaltung zum Thema
seelische Gewalt
Januar 2019

In einem der letzten Beiträge beschrieb ich euch, welche möglichen Ursachen eine Traumafolgestörung nach sich ziehen können. Das körperliche Gewalt und Sexueller Missbrauch/sexuelle Gewalt Traumafolgestörungen (z.B. PTBS) auslösen können, ist zahlreichen Menschen bereits bekannt, doch das emotionale/psychische Gewalt ebenfalls Traumasymptome auslösen kann, ist weniger im Bewusstsein der Bevölkerung und auch im Strafrecht taucht die psychische Gewalt eher selten auf, obwohl die Folgen ebenso gravierend sind, wie bei physischer/körperlicher Gewalt – nur leider schlechter beweisbar.

Doch diese psychische, vor allem die verbale Gewalt (nicht nur mir gegenüber, sondern auch das Miterleben bei anderen) belastet, mich sehr und dies ist im Moment auch(!) ein Grund, warum ich mich noch mehr aus sozialen Kontakten zurückziehe (Schutzfunktion). Gefühlt wird diese Form der Gewalt in meiner Wahrnehmung mehr und macht mir Angst.

Irgendwie ist es normal geworden, andere Menschen abzuwerten, die nicht die eigene Meinung oder Ansicht teilen. Da werden Gefühle abgesprochen und meine Angst als „Schmarrn“ bagatellisiert. Oder auf meine Vorsicht und meine Bemühungen mich nicht mit dem Coronavirus oder anderen Bazillen anzustecken, als Panikmache tituliert. Dabei weiß ich als Asthmatiker genau, wie sich Atemnot anfühlt und wie lange ich nach einer „banalen Erkältung“ brauche, um wieder fit zu werden. Es ist okay unterschiedliche Meinungen zu haben, doch die psychische Gewalt die aufgewendet wird, um mir meine Ängste und meine persönlichen Erfahrungen auszureden, kann ich nicht so einfach wegstecken.

Nach außen sind diese Verletzungen nicht sichtbar, doch für mich sehr deutlich spürbar und schmerzhaft.

Auch verstärken und reaktivieren sich meine (Trauma-)Symptome. Anscheinend triggert mich diese Form von Gewalt massiv und daraus schließe ich (und auch meine Therapeutin), dass ich in der Vergangenheit schon mal mit massiver emotionaler/psychischer Gewalt zu tun hatte. Dazu gehören vor allem meine Erfahrungen mit Mitarbeitern der Arbeitsagentur, Krankenkasse, Bildungsträgern, aber auch die Erlebnisse mit der ehemaligen Therapeutin.

Viele Berichte über die „Verlierer“ der aktuellen Krise, wecken bei mir die Erinnerung an meine Geschichte: die Hilflosigkeit gegenüber Behörden, die unverständlichen und oft nicht nachvollziehbare Entscheidungen von Versicherungen, die Angst vor der Zukunft, die Existenznöte, die unzähligen Anträge, Gutachten, Bescheide und anderen Schriftkram, die Ablehnung von potentieller Hilfe, Widersprüche usw. triggern mich ebenfalls, obwohl ich vom Kopf her weiß, dass ich im Moment in Sicherheit bin . Doch trotz dieses Wissens schlagen die Traumasymptome erbarmungslos zu – da hilft auch kein „wo ist dein Problem? Du hast du doch alles!“. Auch das ist Gewalt und hilft mir kein bisschen.

Ja ich bin aufgrund meiner Vorerfahrungen empfindlich, was solche verletzenden Aussagen betrifft. Doch ehrlich gesagt, möchte ich auch nicht komplett unempfindlich werden und dann diese verletzenden Sprüche dann an andere weitergeben, nur weil sie mir nicht mehr weh tun. Manchmal denke ich, dass nicht ich ZU EMPFINDLICH bin, sondern viele Menschen einfach zu unsensibel für ihre Mitmenschen. Was sagt ihr dazu?

Gewaltfreie Kommunikation

Ich wünsche mir einfach mehr Empathie – auch für Menschen, die momentan nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Mehr Verständnis für die Erfahrungen, die diese Menschen bis dahin machen mussten und Anerkennung für die Anstrengungen, die der Mensch bis dahin unternommen hat, um seine Situation zu verbessern – auch wenn man es selbst anders machen würde. Es geht um Respekt und Akzeptanz für die unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Es geht nicht darum, das Gegenüber zu therapieren oder zu missionieren. Man darf Hilfe anbieten, wenn man sich dazu in der Lage fühlt, aber nicht verlangen, dass derjenige sie auch annimmt. Ungefragte Ratschläge sind auch Schläge, also Gewalt an der Psyche.

Aufmerksames Zuhören, verständnisvolles Nachfragen, sowie gewaltfreie Kommunikation sind da hilfreiche Strategien um verbaler Gewalt entgegen zu wirken

Quelle und eine tolle Erklärung gibt`s bei
Dipl. Psych. Werner Eberwein

Ebenso hoffe ich, dass mein Blog mehr zu Verständnis beträgt, wie es in mir gerade ausschaut und welchen Einfluss meine Monster im Kopf auf mich haben, auch wenn das nicht immer sichtbar ist.

👀 und manchmal sogar der Eindruck entsteht, dass ich den ganzen Tag Sport mache😉
– warum ich laufe, kannst du hier nachlesen –

Gerne dürft ihr mir in den Kommentaren oder per Mail Fragen dazu stellen und ich werde sie versuchen zu beantworten.

2 Gedanken zu „Ich spüre was, was du nicht siehst“

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