Die Saboteure in mir

meine Monster im Kopf außer Kontrolle

Es gibt Zeiten in meinem Leben, da würde ich am liebsten mit meinen Kopf gegen die Wand donnern – nur damit diese Quälgeister in meinem Kopf mich endlich in Ruhe lassen. Leider lassen sich damit nur für kurze Zeit irritieren – glaubt mir: ich habe das oft genug versucht – leider ohne dauerhaften Erfolg.

Outing-Versuch in der Therapie

Ich schrieb vor langer Zeit meiner ehemaligen Therapeutin mal eine Mail, in der ich zum ersten Mal versuchte ihr meine Monstern im Kopf zu beschreiben:

Ich habe Ihnen ja schon öfter mitgeteilt, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass „in mir“ mehrere Ichs existieren (Ich nenne sie einfach mal Ichs, weil ich ja auch weiß, dass das alles ICH bin und nicht jemand anders).

Es gibt Ichs, die ganz nett sind und mir helfen, dass es mir gut geht; die mir Mut zusprechen, die „klugscheissen“ können, die auch Spaß haben können und sich wohl fühlen. Manche dieser Ichs verstecken sich aber gern oder halten sich nicht für zuständig, wenn ich es grad will. Die hören also nicht immer auf mich.

Dann gibt es aber auch noch eine Kiste. In dieser Kiste sind Ich-Monster, wo jedes einzelne mich entweder ärgert, nervt, mir Schmerzen zufügt, mich Dinge tun oder sagen lässt, die ich nicht will, mich beschimpft, mir Bilder zeigt, die ich nicht sehen will, mich komplett ausschaltet und dann irgendwie fernsteuert oder mir sonst irgendwelche Angst einjagt. 

Inzwischen schaffe ich es (auch mit Hilfe der anderen Ichs) ganz gut diese Ich-Monster in dieser Kiste zu halten und wenn ein einzelnes entwischt, klappt es bei einigen Ich-Monstern immer öfter, es nach einiger Zeit – manchmal dauert es auch länger – wieder in diese Kiste zu sperren. Länger dauert es vorallem, wenn eines der Ich-Monster entwischt, wenn ich es gar nicht brauchen kann (aber wann kann man das schon?). Da wird es für mich sehr schwierig, es wieder sofort einzufangen, da ich mich ja gerade auf etwas anderes/wichtigeres konzentrieren sollte/wollte und irgendwie nie weiß, was ich zuerst machen soll. Auch Abends ist es aber irgendwie schwieriger, diese Monster in der Kiste zu halten, denn abends haben die anderen Ichs anscheinend nicht mehr genug Energie, um den Deckel zu zuhalten und so ein Monster kann leichter entwischen.

Doch manchmal passiert es, aus mir unerklärlichen Gründen, dass diese Kiste plötzlich aufspringt und alle Ich-Monster gleichzeitig frei kommen. Das Chaos ist perfekt: alle Ich-Monster greifen mich gleichzeitig an und zerren an mir rum. Sie treten, schlagen und beißen mich. Kaum habe ich eins erwischt und wieder eingesperrt, wird es von den anderen Ich-Monstern wieder befreit. Die anderen Ichs versuchen zwar noch mir anfangs zu helfen, doch sind sie dann plötzlich verschwunden und nicht mehr auffindbar. Also versuche ich das nächste Ich-Monster in den Griff zu kriegen, während die anderen Monster weiter auf mich einprügeln. Dadurch werden die Schmerzen immer schlimmer und auch die Monster werden fieser, lassen mir keine Pause. Das geht dann so weiter, bis ich nicht mehr kann.

Das ist der Moment, wo ich nicht mehr will, wo einfach nur noch weg von den Monstern will, wo ich oft nur noch sterben will.
Das ist dann auch der Moment, wo ich mir lieber selber weh tue, als mich weiter von diesen Monstern quälen zu lassen. Denn die hören dann komischerweise auf mich weiter zu attackieren und lassen sich zurück in die Kiste sperren – bis zum nächsten Ausbruch.

Und genau das, also der gleichzeitige Ausbruch aller Ich-Monster, ist nach dem letzten Termin bei Ihnen passiert. Wann genau die Kiste aufgesprungen ist, kann ich leider nicht sagen.

Jetzt beim Aufschreiben, fällt es mir sehr schwer zwischen den einzelnen ichs, also „ICH“, „anderes ich“, „Monster-ich“ zu unterscheiden und das verwirrt mich. Gerade da, wo ich „ich“ geschrieben habe, finde ich es schwierig. Da bin ich mit echt nicht sicher, ob da nicht ein anderes ich oder ein Monster-ich hin gehört.

Ich weiß ja vom Kopf her, dass das alles ich bin, doch anfühlen tut es sich wie verschiedene ichs, die sich nicht immer klar trennen lassen – vielleicht sind es auch Chamäleon-ichs. Doch wenn ich jetzt darüber mehr nachdenke, entsteht nur wieder Chaos (irgendwie will jedes der Ichs ICH sein) – deshalb lasse ich es.

Ich hoffe, konnte es einigermaßen verständlich beschreiben und Sie können mein inneres Chaos ein wenig nachvollziehen, denn wie Sie sich vielleicht denken können, möchte ich dieses Chaos mit den vielen ichs in den Griff kriegen und weiß jetzt absolut nicht, wie ich vorgehen soll.


Auszug aus einer Email an die ehemalige Therapeutin vom Mai 2015

Machtübernahme im Kopf
eigene Zeichnung von 2014

„Sie sind der Chef!“ pflegte meine ehmalige Therapeutin dazu zu sagen, wenn ich mal wieder über meine Monster und deren verursachtes Chaos in meinem Kopf berichtete. Auch sprach ich mit ihr über meine Entscheidungsschwierigkeiten, weil jedes Monster im Kopf auf der eigenen Meinung beharrte und zu keinem Kompromiss bereit war. Doch wirklich hilfreich war dieser Ratschlag für mich nicht, denn oft genug wurde ich von den Diskussionen der Monster ausgeschlossen und fand mich als Zuhörer/-schauer wieder, während die Monster in meinem Kopf die Kontrolle über meine Handlungen übernahmen.

Die Monster sind immer da

Auch während ich diesen Blogbeitrag schreibe, mischen sich meine Monster im Kopf ein und es ist verdammt schwierig einen einzigen Text zu schreiben ohne dass ein „anderes Ich“ den Text anschließend umformuliert, Passagen löscht oder den Beitrag komplett vernichtet. Die Monster kommentieren jeden Satz, den ich in die Taste haue und ich soll entscheiden, ob an den Kommentaren nicht doch etwas Wahres dran ist.

Beispiel:
Wie so eine Monster-Diskussion in meinem Kopf abläuft, könnt ihr in diesem Beitrag „Ist doch nur ein Fragebogen“ nachlesen.

Das Menschen ihr Verhalten kommentieren, ist vermutlich gar nicht so selten und vielleicht kommt es euch auch irgendwie bekannt vor. Doch die psychisch gesunden Menschen können anscheinend ihre Kommentatoren einfach abstellen, sie kontrollieren und sich selber sagen „so jetzt mach ich was anderes, das sind ja nur Gedanken!“. Das fällt mir leider sehr schwer und ich persönlich finde es auch extrem schwierig zu unterscheiden, ob ich die Kommentare oder teilweise auch Beschimpfungen „nur“ denke oder ob ich sie wirklich in meinem Kopf „höre“. Auschalten auf Kommando geht leider schon mal gar nicht. 🙁

Meine Monster im Kopf
eigenes Video 2019

Die Monster sind anstrengend

Nach Außen sind diese Aktionen meiner Monster nicht wahrnehmbar, doch diese ständigen Diskussionen kosten viel Kraft, da ich auch sehr viel Energie aufwenden muss, um in der Welt / im Außen zu funktionieren. Ich versuche nicht aufzufallen, um nicht als verrückt abgestempelt zu werden und deshalb fällt es mir auch noch mega schwer, mein Innerstes offen zu legen – teilweise schäme ich mich auch dafür.

Doch dieses Verstecken, dieses „normal wirken“, nach außen klar zu wirken, so zu tun, als ob alles okay ist, damit kein Fremder mitkriegt, welches Chaos in meinem Kopf herrscht ist extrem anstrengend, v.a. so zu funktionieren, wie es die Gesellschaft vorlebt und auch teilweise vorschreibt (Vollzeit und hoher Verdienst im Arbeitsleben, Familie, sinnvolle Aktivitäten in Freizeit) . Doch die Kraft alle meine gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen habe ich nicht zur Verfügung, da ich fast meine ganze Energie dafür brauche, diese Monster im Kopf am Chaos machen zu hindern.

Jetzt beim Schreiben wird mir klar, dass ich eigentlich gehofft hatte, dass mir meine ehemalige Therapeutin bei der Kontrolle oder Vernichtung der Monster hilft, doch auch bei ihr durfte ich leider nicht über meine Monster sprechen, sondern die Therapeutin legte den Schwerpunkt auf´s Funktionieren. Wie sehr mich meine Monster trotz dem sichtbaren Funktionieren und dem scheinbar erfolgreichen „mich meiner Angst stellen“ belasten, konnte ich ihr leider nicht rüber bringen.

Eine neue Chance

Doch nun öffnete sich für mich eine Tür mit dem Namen „Traumatherapie“. Beim letzten Gespräch mit der Traumatherapeutin keimte bei mir so etwas wie Hoffnung auf, dass sich dieser Kampf mit meinen Monstern in den Griff kriegen lässt. Auch die Beschäftigung mit dem Thema „Traumafolgestörungen“ sorgte bei mir für einige Aha-Erlebnisse und ich erkannte mich in einigen Punkten wieder. (siehe meine vorherigen Beiträge hier oder hier )

Leider ist bis zum Beginn der Therapie wieder meine Lieblingsthema GEDULD angesagt, denn bei der Traumatherapeutin wird frühestens im Januar 2020 ein Platz frei und im Dezember findet nochmal ein gemeinsames Gespräch statt, in dem noch vorab einige Fragen geklärt werden müssen. Einerseits habe ich große Hoffung, dass es mir nach dieser Therapie besser geht – doch anderseits ist da die Angst, was da auf mich zukommt und ob ich überhaupt therapiefähig bin.
Zu oft wurde ich schon abgelehnt, weil ich zu kompliziert, zu krank, therapieresistent, beratungsresistent, zu unkooperativ, zu unmotiviert und ein hoffnungsloser Fall bin. Keine Hilfe wegen fehlender Erfolgsaussichten….musste ich auch schon in Gutachten lesen.

Doch ich nehme meinen ganzen Mut zusammen 💪und starte einen neuen Versuch. Aufgeben kann ich danach immer noch. 😜

3 Gedanken zu “Die Saboteure in mir”

  1. Whow, liebe Sonja, du bist nach diesem Blog bestimmt ein Stück grösser geworden ein Stück selbst- bewusster.
    Du hast m.E.(korrigiere mich bitte) soviel Kraft und MUT)aufgebracht, dich -wie heisst es neudeutsch- , zu outen und deine innersten Gedanken bzw. Kämpfe mit dir und deinen „Monstern“ in diesen vielen Zeilen zu beschreiben und öffentlich zu machen.
    Du hast recht, „man“ sieht es dir wirklich nicht an, dass du vor allem abends und nachts mit diesem Wirrwarr in deinem Kopf kämpfst.
    Mutig finde ich es auch, dass du deine Mail von 2015 !!! an deine Therapeutin heute veröffentlichen kannst. Wahrscheinlich steckt m.E. immer noch viel Angst und Unbehagen über das „Nichternstgenommenwerden“ in dir.
    Ich kann nur hoffen, dass du auf den für dich richtigen Weg machst und für dich die richtige Hilfe bekommst, du du jetzt m.E. brauchst.
    Ich bin weiterhin für dich da und drück dir sämtliche Daumen und habe “ das Wort mit den sechs Buchstaben“.

  2. Liebe Sonja, ich bin stolz auf dich, dass du immer wieder soviel Kraft aufbringst, dich mit diesen schweren Themen auseinander zu setzen, und besonders stolz bin ich auf dich, dass du die Traumatherapie in Angriff nehmen willst, die dich auch Kraft kosten wird. Ich gratuliere dir zu dieser Entscheidung, denn die hast DU getroffen. Und ich wünsche dir von Herzen, dass du auf diesem Weg neue Erkenntnisse sammeln wirst und für dich weiter kommst und deine Monster im Kopf immer weniger Einfluss auf dein Leben nehmen werden. Wo auch immer ich dich dabei unterstützen kann, und sei es nur mit Aufheiterung, lass‘ es mich bitte wissen. Ich bin gerne für dich da. Fühle dich ganz fest gedrückt, Bettina

  3. Ich danke euch beiden für eure mutmachenden Worte.
    Ja, meine Monster und ich hatten viele Diskussionen darüber, ob ich diesen Beitrag und vorallem diesen Ausschnitt aus der Mail veröffentlichen kann. Wie ihr gelesen habt, konnte ich mich durchsetzen und durch eure Antworten, weiß ich jetzt auch, dass es okay ist.
    Irgendwie tut es gut zu wissen, dass ich jetzt nicht mehr alleine bin, wenn meine Monster in Action sind und auch verstanden werde. Das Versteckspiel, dieses so tun als ob alles okay ist, kostet sehr viel Energie und es so schön zu wissen, dass es Menschen gibt, wo ich mich nicht verstellen muss, die mich auch mit Monster im Kopf akzeptieren.
    Vielen lieben Dank 🤗😊🤗

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